ABSEITS & ANWESENHEIT

Haben, als hätte man nicht
Das Abseits als wirtlicher Ort

von Marianne Gronemeyer

Man kann von nahezu allen Industrieprodukten, die fabriziert werden unter der Vorgabe, dass Ware und Wachstum sein müssen, sagen, dass ihr eigentlicher Daseinszweck darin besteht, Müll zu sein. Sie werden hergestellt, so fordert es die Wachstumslogik, nicht um ihrer Brauchbarkeit und Tauglichkeit willen, sondern um ihrer möglichst schnellen Unbrauchbarkeit und Untauglichkeit willen. Sie werden als Müll produziert.
Denn der Superlativ des Attributs „neu“ annonciert den Wert eines jeden Produktes. Wenn der Wert eines beliebigen Gegenstandes darin besteht, brandneu zu sein, der letzte Schrei, die Überbietung alles bisher Dagewesenen, dann ist er im Augenblick seines Erscheinens bereits im freien Wertverfall begriffen, denn er ist ja nur die Vorstufe des neueren Neuesten, das ihm folgt, er trägt den Makel des Überholten und Defizienten bereits in sich, bevor er zum Zuge kommen kann. Inmitten des Wohlstands sind wir Müllbewohner und was wir gedankenlos „Fortschritt“ nennen, ist die rasant beschleunigte Umwandlung unserer Welt in Müll.

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Die vier Monopole
Aber noch beharrlicher als der Müll selbst ist die Monokultur der Müllgesinnung. Monokulturen und Monopole bedingen sich gegenseitig. Es sind mächtige Monopole, die dafür Sorge tragen, dass das schändliche Geheimnis der Wachstumsgesellschaft – dass sie nämlich Müll produziert und konsumiert – nicht ruchbar wird und dass das „Weiter so“ seinen ungehinderten Lauf nimmt. Es sind jene treibenden Kräfte, die den Fortschritt garantieren: die Naturwissenschaft, die Ökonomie, die Technik und die Bürokratie. An und für sich haftet ihnen zugegebenermaßen nichts Verderbliches an. Was ist schon dagegen zu sagen, dass die Natur erforscht wird, dass die Vorräte bewirtschaftet werden, dass wir uns die Arbeit zu erleichtern trachten und das Gemeinwesen ordnen wollen?

Seine zerstörerischen Kräfte entfaltet diese unheilige Allianz dadurch, dass sie in ihrem jeweiligen Geltungsbereich Monopole etabliert. Die Naturwissenschaft beansprucht das Monopol der Weltdeutung, die Ökonomie das der Weltverteilung, die Technik das der Weltgestaltung und schließlich die Bürokratie das Monopol, die Welt zu regeln. Zusammengeschlossen und miteinander vernetzt bilden sie eine Supermacht, die ihren Anspruch auf Weltherrschaft weitgehend durchgesetzt hat. Sie tendiert dazu, sich alles anzuverwandeln und alles in sich einzuschließen. Sie duldet keine anderen Götter neben sich.

https://www.streifzuege.org/2018/haben-als-haette-man-nicht-ii/

 

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